Katharina Pretzl, 32: Hamsterin auf dem Sofa

Katharina Pretzl, 32: Hamsterin auf dem Sofa

Hallo ihr Lieben,

ich schreibe dann auch mal meine Erfahrungen für die Nachwelt nieder. Schon vor 18 Jahren wurde mir gesagt, dass meine Weisheitszähne am besten rausgenommen werden sollten, weil für sie kein Platz im Kiefer ist, und sie darüber hinaus noch unten quer lagen.

Vor zehn Jahren saß ich schon im OP, aber dann hat der Anästhesist abgebrochen, weil er gerade rechtzeitig noch erfuhr, dass ich kurz vorher noch schön einen Teller Gnocchi verputzt hatte..ich hätte Dämmerschlaf bekommen sollen. Ich fuhr nach Hause und kam nie wieder.

Diesen Sommer war mein neuer Zahnarzt ganz böse mit mir, weil die Weiszeitszähne mittlerweile so nah an den Nachbarzähnen lagen, dass sie drohten, deren Nerv abzutöten. Außerdem hatte sich an einem schon Karies gebildet. Ich kam also nicht mehr um die OP herum und machte schweren Herzens einen Termin beim Chirurgen aus – alle 4 mit Vollnarkose.

Ich habe mich jahrzehntelang gedrückt, weil ich solche Angst vor OPs, Spritzen, Blut, Schmerzen etc habe. Mir war, als würde ich jetzt meinem Leben ein Ende setzen, bildete mir ein, welche schrecklichen Komplikationen auftreten würden, dass ich am Ende die Narkose nicht überleben würde. Leicht hypochondrisch 😀

Mit dem Gefühl, nun auf die Schlachtbank geführt zu werden, kam ich tränenüberströmt und zittrig am 2.11. 2017 um 12 Uhr in die Praxis. Zum Glück begleitete mich eine Freundin. Irgendwann beruhigte ich mich, der Anästhesist war auch sehr nett und sprach mir Mut zu. Auch die Sprechstundenhilfe meinte „Sie müssen keine Angst haben, wir sind ganz vorsichtig“. Nachdem ich mich von meiner Freundin verabschiedet hatte, folgte ich dem Anästhesie-Pfleger zum Umziehen (OP-Kittel) und Legen des Zugangs in einen Nebenraum. Dort rollten nochmal Tränen, und ich konnte nicht hinschauen. Dann wurde ich ins OP- Zimmer geholt. Das gleißende Licht und die sterile Atmosphäre machten mir Angst. Ab da ging es schnell. Der Anästhesist meinte, ich solle an was Schönes denken. Und er meinte, ich sei ja 1985 geboren, in dem Jahr hätte er angefangen zu arbeiten. Ich sagte noch, das habe er mir ja am Telefon erzählt und wollte noch etwas hinzufügen, doch dann verschwomm das gelbe Licht vor meinen geschlossenen Augen zu einer Art Sonne, und ich war weg. Eigentlich ein angenehmes, einlullendes Gefühl.

Ich kann mich nicht erinnern, wie ich vom OP – Stuhl ins Aufwachzimmer gelangte, ich war aber wach, wurde zum Bett geführt und habe die Ärzte anscheinend ca. 10x nach der Uhrzeit gefragt 😉 Meine nächste Erinnerung sind Stimmen, eine weibliche und mehrere männliche, dass es mir anscheinend gut gehe. Dann erschien meine Freundin am rechten Fußende meines Bettes. Ich war noch total beduselt und frage sie mind. 5x, ob sie denn jetzt eigentlich von der Sprechstundenhilfe angerufen worden sei, weil sie in der Stadt bummeln war. So war es ausgemacht, aber irgendwie konnte ich es in dem Moment nicht ganz glauben, dass das tatsächlich so abgelaufen ist.

Froh, dass die OP nun geschafft war, ließen wir uns ein Taxi rufen, das uns nach Hause brachte. Meine Freundin blieb noch bis zum Abend bei mir und versorgte mich mit Suppe und Tee. Ich hatte kaum Schmerzen, konnte meinen Mund weit genug öffnen, um von einem Löffel zu essen und hatte einen gemütlichen Abend mit meiner Freundin und meinem Freund. Ich hatte präventiv eine Schmerztablette genommen (Ibu 400) und sollte am ersten Tag weder Zähne putzen noch den Mund spülen. Ich dachte mir „Cool, ist ja eigentlich gar nicht so schlimm wie ich dachte!“. Deswegen kühlte ich auch nicht durchgehend, sondern immer nur ab und zu, weil da auch sehr unangenehm war. In der Nacht wachte ich jedoch von selbst jede Stunde auf, um das Kühlpad auszutauschen, denn die Backen waren jetzt doch recht angeschwollen. Schlafen war ungemütlich und am besten in einer halb sitzenden Position möglich.

Nachblutungen hatte ich zum Glück keine, manchmal, wenn ich versehentlich an den Wunden saugte, kam etwas Blutgeschmack auf, aber nur am ersten Tag.

Am nächsten Morgen um 9 Uhr war ich bei der Nachkontrolle. Ein Röntgenbild ergab, dass alles sauber verlaufen war, der Arzt schaute in meinen Mund und meinte, alles sähe gut aus, die Schwellung könne noch zunehmen, weil er links unten sehr tief in den Knochen bohren musste. Er wies mich an, ab jetzt die Zähne zu putzen und den Mund zu spülen.

Ich ging wieder nach Hause und bekam Besuch einer Freundin, die mit mir gemeinsam den Nachmittag verbrachte. Ab dann ging es richtig los, und das ist auch der Grund, warum ich meine Erfahrung in den „Horror“ – Bereich verbuche. Die linke Backe schwoll noch viel mehr an, schmerzte und pulsierte, ich musste durchgehend kühlen. Der Mund ging nur noch einen Spalt weit auf. In der Nacht stellte ich fest, dass die Schwellung bis zum linken Auge reichte, die Sicht war schon eingeschränkt. Ich dachte kurz darüber nach, die Notruf-Infohotline zu wählen, weil es Wochenende war. Ich kühlte wie verrückt und nahm im Minutentakt Arnika D6, warf mir Bromelain ein und schlürfte Traumeel- Tropfen. Ich sah aus wie ein Monster, meine Lippen waren steif und unbeweglich, riesig wie Schlauchboote, das Gesicht verzerrt, harte, schmerzende Backen. Essen war schmerzhaft, Lachen und Lächeln nicht möglich, ich fühlte mich ganz ernst und schlecht gelaunt deswegen. Die gesamte Mimik war eingefroren. Die ersten drei Nächte waren der Horror, wenn der Kopf nicht hoch genug war, fing alles schrecklich an zu pulsieren, andererseits war diese aufrechte Position zum Schlafen kaum geeignet. Irgendwann gab ich auf und ließ mich tiefer sinken, was eine erhöhte Schwellung im Gesicht nach sich zog. Aufgrund des Schlafmangels habe ich mich wie gerädert gefühlt, außerdem ging das Gespür für Raum und Zeit verloren, ich hatte das Gefühl, mein ganzes Leben für immer in der gleichen Sofaecke verbringen zu müssen. Außerdem ging ich erst um 2 oder 3 ins Bett, weil ich eh kaum schlafen konnte, und blieb dann morgens lange im Bett. Zwei Tage lang verließ ich das Haus überhaupt nicht, war nur im Schlafanzug. Aufräumen und putzen tat weh, da war ich froh, dass mir liebe Freunde halfen. Ich saß hamsterig am Sofa mit je einem Kühlpad auf der Wange und harrte der Dinge, hoffte, dass es irgendwann vorbei sein möge. Jemals wieder festes Essen zu mir zu nehmen oder normale Backen zu haben schien mir unvorstellbar zu sein. Ich fühlte mich schrecklich, hätte dieses Ausmaß nicht erwartet. Dabei habe ich mich gut vorbereitet: 2 Tage vor der OP Arnika – Globuli eingenommen, Bromelain besorgt und Traumeel, genügend Kühlpads…

Ganz wichtig ist eine weiche, kleine Zahnbürste, ich habe mir von Dr. Best eine für Babys gekauft – aber dem 8. Monat 😉 Die Borsten sind weich und die Fläche sehr klein, etwa die Hälfte einer normalen Bürste. Außerdem war der Stiel dünn und passte schon am Abend der OP in meinen Mund, denn die Schneidezähne wollte ich immerhin mal putzen.

Morgen gehe ich zum Arzt und schaue, was er meint….Nachtrag: Alles war gut, aber ich musste nochmal 3 weitere Tage krank geschrieben werden, weil die Schwellung noch recht groß war.

Ich bin froh, dass ich die OP dann machen ließ…denn ich bekam meine Beißerchen in einer Lösung mit nach Hause…und sie sehen furchtbar aus! Einer ist total zerfressen von Karies, ein anderer hat ein schwarzes Anhängsel dran…brr!!

Tja, erschwerend kam noch die Tatsache hinzu, dass mein Freund 5 Tage nach der OP mit mir Schluss machte. Vom Weinen taten mir die Wangen noch mehr weh und ich musste Ibus nehmen.

Das Fädenziehen hat kurz eklig gezwickt, war aber nicht weiter schlimm.

Nach ca. 1,5 Wochen war der Zahnhorror dann vorbei. Es fühlte sich zunächst ganz komisch im Mund an, die gewohnten Zähne fehlten, und einmal brannte es noch ganz seltsam. Mit der Zeit bildeten sich Taschen im Zahnfleisch, das war total nervig, denn dort sammelte sich immer das Essen. Ich musste mit einer stumpfen Spritze immer die Reste wegspritzen, das ging bestimmt 3 Monate so. Danach hatte ich dann keine Probleme mehr, und trotz Horrorschmerzen war ich froh, dass ich die Zähne endlich draußen hatte.



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